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  • Bernhard Bierbaum

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🕸 September 2019

über die Wildnis und die Zerstörung derselben:


ALEXIS DE TOQUEVILLE: In der nordamerikanischen Wildnis



Alles war bereit: Wir bestiegen die Pferde und setzten über die Furt des Baches, der die äußerste Grenze zwischen der Zivilisation und der Wildnis bildet, und drangen nun im vollen Sinne in diese ein.

Unsere zwei Führer gingen, oder richtiger gesagt sprangen wie wilde Katzen über die Hindernisse des Pfades. Wo ein umgestürzter Baum, ein Bach, ein Sumpf den Weg versperrte, wiesen sie mit dem Finger auf den günstigsten Durchgang, ohne sich auch nur umzuwenden und zu sehen, wie wir durchkämen. Gewohnt, sich nur auf sich selbst zu verlassen, kann der Indianer sich schwer vorstellen, daß ein anderer der Hilfe bedarf. Er leistet notfalls einen Dienst, aber niemand hat ihn die Kunst gelehrt, ihm durch zuvorkommendes und aufmerk- sames Wesen Wert zu verleihen. Dieses Benehmen hätte uns vielleicht zu einigen Bemerkungen veranlaßt, aber es war ausgeschlossen, unseren Gefährten ein einziges Wort verständlich zu machen. Und zudem fühlten wir uns völlig in ihrer Gewalt. Hier war in der Tat der Maßstab vertauscht. In dichte Finsternis getaucht, auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ritt der zivilisierte Mensch einem Blinden gleich dahin, außer Stande, sich im Labyrinth, dass er durchzog, zurecht zu finden, und auch nur die Mittel für seine Erhaltung zu beschaffen. Inmitten eben dieser Schwierigkeiten erwies sich der Wilde als überlegen. Für ihn barg der Wald keine Geheimnisse. Hier war er zu Hause. Aufrechten Hauptes schritt er dahin, geleitet durch einen Instinkt, der sicherer ist als die Magnetnadel der Seemanns. Vom Wipfel des höchsten Baumes, unter dem dichtesten Laubholz entdeckte sein Auge das Wild, an dem der Europäer 100 mal vergeblich wieder und wieder vorüber gegangen wäre.

Von Zeit zu Zeit hielten unsere Indianer an. Sie geboten uns schweigen, indem sie den Finger auf die Lippen legten, und gaben uns ein Zeichen, abzusteigen. Unter ihrer Führung erreichten wir die Stelle, von der aus man das Wild bemerken konnte. Eigentümlich war das verächtliche Lächeln, mit dem sie uns wie Kinder bei der Hand nahmen und uns schließlich zum Ziel führten, dass sie selbst schon längst gesehen hatten.

Je weiter wir nun vordrangen, um so mehr verschwanden die letzten Spuren des Menschen. Bald hörten auch die Anzeichen der Gegenwart von Wilden auf, und wir hatten vor uns den Anblick, nach dem wir seit so langem unterwegs waren. Das Innere des Urwaldes.

Eine erhabene Ordnung waltet über unseren Häuptern. Nahe am Boden dagegen zeigt sich überall Verwirrung im Chaos. Stämme, die das Gewicht ihrer Äste nicht mehr zu tragen vermochten, sind auf halber Höhe gespalten und bieten dem Auge nur mehr ihren spitzen und zerrissen Wipfel. Andere, seit langem durch die Wirkung des Windes erschüttert, sind wie ein Block in ihrer ganzen Länge zu Erde gestürzt; ihre Wurzeln, aus dem Erdreich herausgerissen, bilden lauter natürliche Schutzwehre, hinter denen mehrere Leute sich leicht verschanzen könnten. Mächtige Bäume, die durch umgebenes Geäst in ihrem Sturz aufgehalten wurden, hängen in der Luft und zerfallen zu Staub, ohne den Boden zu berühren.

Bei uns gibt es keine so dünn besiedelten Gegenden, in denen der Wald sich genügend selbst überlassen bleibt, dass die Bäume, nachdem sie ihr natürliches Wachstum ungestört vollendet, an Altersschwäche sterben. Es ist der Mensch, der sie in ihrer vollen Lebenskraft fällt und den Wald von ihren Überresten säubert. In den Ödnissen Amerikas ist die allgewaltige Natur die einzige Macht der Zerstörung wie der Zeugung.

Gleich wie in den Wäldern, die der Herrschaft des Menschen unterstehen, schlägt auch hier der Tod unaufhörlich zu, aber niemand räumt die Trümmer weg; jeder Tag vermehrt ihre Zahl; sie stürzen, sie türmen sich übereinander; die Zeit reicht nicht aus, sie schnell genug in Staub zu verwandeln und neuen Raum zu schaffen. Mehrere Totengeschlechter liegen hier nebeneinander. Die einen, im Zustand letzter Auflösung, zeigen dem Blick nur noch einen langen Streifen rötlichen Staubes im Gras.

In mitten dieser Vielfalt von Trümmern geht die Arbeit der Erzeugung unaufhörlich weiter.

Wenn mitten am Tage die Sonne glühende Strahlen auf den Wald herabsendet, ist es oft, als ginge durch seine Tiefen ein lang gezogenes Stöhnen, ein klagender Ruf, der in der Ferne verhallt. Es ist das letzte Wehen des sterbenden Windes. Alles um uns versinkt dann in ein so unergründliches Schweigen, in eine so völlige Regungslosigkeit, dass eine Art religiöses Bangnis unsere Gemüter ergreift.

Der Wanderer steht still, er schaut.

Dicht gedrängt, ihre Wipfel ineinander verschlungen, scheinen die Bäume des Waldes nur noch ein einziges Ganzes zu bilden, ein Unermessliches und unzerstörbares Bauwerk, unter dessen Gewölben ewige Dämmerung herrscht. Wohin immer sein Blick sich wendet, überall sieht er nichts als Bilder der Gewalt und der Zerstörung. entzweigeborstene Bäume, zerrissene Stämme, alles kündet hier vom immerwährende Krieg, den die Naturgewalten wider einander führen....

In Europa widerfuhr es uns bisweilen, dass wir uns mitten im Wald verirrten; stets aber trafen einige Geräusche des Lebens unser Ohr. Sei es das Glockengeläute des nächstgelegenen Dorfes, sei es der Schritt eines Wanderers, die Axt des Holzhauers, ein Schuss, Hundegebell, oder einfach jener unbestimmte Ton, der sich über einer zivilisierten Gegend erhebt. Hier jedoch fehlt nicht nur der Mensch, selbst die Stimme der Tiere bleibt aus. Die Kleinsten unter ihnen haben diese Gebiete verlassen, um sich den menschlichen Behausungen zu nähern, die größeren, um noch weiter weg zu fliehen. Die Zurückgebliebenen halten sich geschützt vor den Sonnenstrahlen verborgen. So ist alles in den Wäldern regungslos, alles schweigt unter ihrem Laubdach. Es ist, als habe der Schöpfer für einen Augenblick sein Antlitz abgewendet und als seien die Kräfte der Natur von Erstarrung befallen.

Es ist dies übrigens nicht der einzige Fall, in dem wir die eigentümliche Übereinstimmung zwischen dem Anblick des Ozeans und dem des Urwaldes bemerkt haben. Dieses‚ wie jenes Bild bannt uns durch seine Unendlichkeit. Die stete Wiederholung der gleichen Szenen, ihre Eintönigkeit überrascht und bedrückt die Einbildungskraft. Die Gefühle der Vereinsamung und der Verlassenheit, die inmitten des Atlantischen Ozeans so sehr auf uns lasteten, haben wir noch stärker, ergreifender vielleicht, in den Wildnissen der Neuen Welt wieder empfunden.

Auf dem Meere hat der Reisende wenigstens einen weiten Horizont vor sich, auf den er ständig voll Hoffnung seinen Blick richtet, das Auge ist unbehindert, es sieht den Himmel über sich. Wer aber vermag in diesem Ozean von Laub den Weg zu erkennen? Wohin soll er die Blicke wenden? Vergeblich klettert er auf den Wipfel höchster Bäume: noch Höhere ragen ringsum auf. Umsonst besteigt er die Hügel, überall scheint der Wald mit ihm zu wandern, und derselbe Wald dehnt sich von seinen Füßen bis zur Arktis und zum Stillen Ozean aus. Tausende von Meilen kann er unter dem Laubschatten hinwandern, und stets weiterschreitend kommt er scheinbar nicht von der Stelle.

Der Himmel war wolkenlos, die Luft rein und still. Der Fluss strömte durch eine unermessliche Waldweite, aber so langsam, dass es fast unmöglich gewesen wäre, die Stromrichtung festzustellen.

Wir haben immer erlebt, dass man, um sich einen richtigen Begriff von den Wäldern der neuen Welt zu machen, einige der Flussläufe befahren muss, die in ihrem Laubschatten dahin strömen. Die Ströme sind wie große Wege, welche die Vorsehung seit Uranfang vorsorglich durch die Wildnisse gelegt hat, um diese dem Menschen zugänglich zu machen. Bahnt man einen Weg durch den Wald, ist die Sicht meist stark beengt. Auch ist der Pfad selbst, auf dem man schreitet, ein Werk des Menschen. Die Flüsse jedoch sind Wege, die keine Spuren bewahren, und ihre Ufer lassen alles frei erkennen, was eine kräftige und sich selbst überlassene Pflanzenwelt an großen und merkwürdigen Bildern darzustellen vermag.

Hier lag die Wildnis, so wie sie sich ohne Zweifel vor sechstausend Jahren den Blicken unserer ersten Ahnen darbot. Eine blühende, köstliche und duftende Einsamkeit; eine herrliche Wohnung, ein lebender Palast, für den Menschen gebaut, in den aber der Besitzer noch nicht eingedrungen war. Das Boot glitt leicht und lautlos dahin; eine alles umfangende Serenität und Ruhe herrschte in der Runde. Wir selbst fühlen uns im Anblick dieses Schauspiels bald in eine weiche Stimmung versetzt. Unsere Worte fielen immer spärlicher. Bald tauschten wir unsere Gedanken nur noch flüsternd aus. Schließlich verstummten wir ganz, und zu gleicher Zeit die Ruder hochziehend, versanken wir beide in eine stille Träumerei von unsagbarem Zauber.


Wie kommt es, dass die menschlichen Sprachen, die Worte für jeglichen Schmerz finden, einem unbesiegbaren Hindernis begegnen, wo es gilt, die sanftesten und natürlichsten Empfindungen des Herzens verständlich zu machen? Wer wird je wirklichkeitstreu diese so seltenen Augenblicke im Leben schildern, da das körperliche Wohlgefühl uns auf die Ruhe des Gemüts vorbereitet und da vor unserem Auge das All gleichsam in einem vollkommenen

Gleichgewicht ersteht; da die Seele, halb eingeschläfert, sich zwischen Gegenwart und Zukunft wiegt, zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen, da der Mensch, von der Schönheit der Natur umgeben, eine stille, laue Luft atmend, inmitten des allgemeinen Friedens im Frieden mit sich selbst, auf das regelmäßige Pochen in seinen Adern lauscht, deren Pulsschlag stetig das Vergehen der Zeit anzeigt, die sich ihm, Tropfen um Tropfen, in die Ewigkeit zu ergießen scheint. Viele Menschen sahen vielleicht die Jahres eines langen Lebens sich häufen, ohne dass sie ein einziges Mal etwas Derartiges empfanden, wie wir es eben beschrieben haben. Diese können uns nicht verstehen. Aber es gibt etliche, dessen sind wir gewiss, die aus ihrem Gedächtnis und der Tiefe ihres Herzens unsere Bilder mit Farbe erfüllen, und die, wenn sie dies lesen, die Erinnerung an einige flüchtige Stunden erwachen fühlen, die sich weder von der Zeit noch den Daseinssorgen verwischen ließ.

Ein Büchsenschuss, der plötzlich in den Wäldern ertönte, riss uns aus unserer Träumerei. Es war als dröhne der Knall zuerst krachend den beiden Ufern des Flusses entlang, dann entfernte er sich dumpf grollend, bis er sich in den Tiefen der umliegenden Wälder verlor. Es wirkte wie ein langer und erschreckender Kriegsschrei, den die Zivilisation in ihrem Vordringen ausstieß.

Eines Abends in Sizilien, hatten wir uns in einen weiten Sumpf verirrt, der heute die Stelle einnimmt, wo einst die Stadt Himera erbaut ward; der Eindruck, den der Anblick dieser zu einem wilden Sumpf gewordenen berühmten Stätte in uns wachrief, war mächtig und tief. Nie waren wir auf unseren Wegen einem großartigeren Zeugnis der Unbeständigkeit menschlicher Dinge und des Jammers unserer Natur begegnet. Hier war wohl noch Wildnis; aber die Einbildungskraft, statt rückwärts in die Vergangenheit zu schweigen, schwang sich vielmehr voraus und verlor sich in einer unabsehbaren Zukunft.

Wir fragten uns, welche seltsame Fügung des Schicksals uns, die wir die Ruinen verschwundener Reiche hatten betrachten können und durch Einöden menschlichen Wirkens geschritten waren , uns, die Kinder eines Volkes, dazu geführt hatte, einem der urweltlichen Schauspiele beizuwohnen und die noch leere Wiege eines großen Volkes zu schauen. Es handelt sich hier nicht um mehr oder minder gewagte Voraussagen der Weisheit. Hier handelt es sich um Tatsachen, die so gewiss sind, als wären sie bereits geschehen. In wenigen Jahren werden diese undurchdringlichen Wälder gefällt sein. Der Lärm der Zivilisation und des Gewerbes wird das Schweigen der Saginaw brechen. Ihr Echo wird verstummen. Hafenmauern werden ihre Flüsse bändigen; der Bug der Schiffe wird ihre Fluten, die heute unbekannt und ruhig inmitten einer namenlosen Wildnis dahinströmen, in ihrem Lauf zurückstauen. Fünfzig Meilen trennen diese Einsamkeit noch von den großen europäischen Niederlassungen, vielleicht sind wir die letzten Reisenden, denen es vergönnt war, sie in ihrer urtümlichen Herrlichkeit zu betrachten, so gewaltig ist die Stoßkraft, welche die weiße Rasse zur völligen Eroberung der Neuen Welt treibt.

Diese Vorstellung der Zerstörung, dieser Hintergedanke eines nahen und unvermeidlichen Wechsels ist es, der nach unserem Empfinden den Einsamkeiten Amerikas einen so eigenartigen Zug und eine so ergreifende Schönheit verleiht. Man sieht sie mit einer schwermütigen Freude, man beeilt sich gewissermaßen, sie zu bewundern.

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Oktober 2019

ĂĽber das Reisen in den Tropen und die Schwierigkeit, das auszuhalten:


CHRISTIAN KRACHT Imperium


Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamen Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren. Der Norddeutsche Lloyd, Gott verfluche ihn, sorgte jeden Morgen, reiste man denn in der ersten Klasse, durch das Können langbezopfter chinesischer Köche, für herrliche Alphonso Mangos aus Ceylon, der Länge nach aufgeschnitten und kunstvoll arrangiert, für Spiegeleier mit Speck, dazu scharf eingelegte Hühnerbrust, Garnelen, aromatischen Reis und ein kräftiges englisches Porter Bier. Gerade der Genuss des Letzteren schuf unter den rückreisenden Pflanzern, die sich- in das weiße Flanell ihrer Zunft gekleidet - auf den Liegestühlen des Oberdecks der Prinz Waldemar eher hingeflezt als anständig schlafen gelegt hatten, für eine überaus flegelhafte, fast liederliche Erscheinung. Die Knöpfe am Latz ihrer offenen Hosen hingen an Fäden lose herab, Soßenflecken safrangelber Curries überzogen ihr Westen. Es war ganz und gar nicht auszuhalten. Blässliche, borstige, vulgäre, ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche lagen dort und erwachten langsam aus ihrem Verdauungsschlaf, Deutsche auf dem Welt-Zenit ihres Einflusses.

So oder so ähnlich dachte der junge August Engelhardt, als er die dünnen Beine übereinanderschlug, einige imaginäre Krümel mit dem Handrücken von seinem Gewand wischte und grimmig über die Reling auf das ölige, glatte Meer hinaussah.





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